Menschenbild im Islam

Der Mensch erhält seine Ehre und Würde direkt aus seiner Geschöpflichkeit und den besonderen Anlagen, die ALLAH, der ERHABENE, in ihn gelegt hat.

Der Mensch ist gleichzeitig schwach und stark: stark weil er große Fähigkeiten hat, die wir so nicht von anderen Geschöpfen kennen und schwach, weil er jederzeit fähig ist, diese Anlagen zu missbrauchen und sich und anderen Schaden zuzufügen.

Groß macht den Menschen seine Funktion als Kalifa auf der Erde – als ein Geschöpf, das in ununterbrochener Aufeinanderfolge der Geschlechter sich über die Erde verbreitet, um seinen Schöpfungsauftrag zu erfüllen. Die Weitergabe des Wissens und das Aufeinander-Angewiesen-Sein der Menschen untereinander macht den Menschen stark, sie zeigt aber auch seine Verwundbarkeit und dass der Mensch als egoistisches Individuum, das losgelöst von Familie und Gemeinschaft auszukommen sucht, zum Scheitern verurteilt ist. Ohne Generationenfolge und die Weitergabe des Wissens, kann er sich kaum in der Natur behaupten.

Durch ein Leben in den Grenzen, die vom SCHÖPFER vorgegeben sind, wird der Mensch nicht versklavt, sondern kann sein volles Potential überhaupt erst ausschöpfen.

1. Die Besonderheit des Menschen aus quranischer Sicht

Sprache, Erkenntnis, Abstraktionsvermögen

Die Besonderheit des Menschen drückt sich darin aus, dass er mittels seiner Sprache abstrakt denken kann und selbst Unvorstellbares durch Begriffe umschreiben kann. So hat ALLAH ihm einen Teil Seiner eigenen Namen mitgeteilt und dem Menschen einen Teil Seiner Eigenschaften beschrieben. Dass der Mensch diese wiederholen und sie trotz ihrer Unauslotbarkeit aussprechen darf, zeigt, mit welcher Wertschätzung der SCHÖPFER ihm begegnet.

Vernunft und Willensfreiheit

Die Freiheit des Menschen zeigt sich darin, dass der Mensch nach seinem eigenen Willen handeln kann. Er bewegt sich auf einem schmalen Grat in diesem Leben, kann es aber durch die Rechtleitung ALLAHs schaffen, dieses Leben zur Zufriedenheit seines SCHÖPFERs und zum Nutzen seiner Mitmenschen zu gestalten. Dafür hat der Mensch Ruuh, Geist, eingehaucht bekommen, der ihn von den nicht-vernunftbegabten Geschöpfen abhebt und ihm das Tor zur Erkenntnis und Rechtleitung eröffnet.

Eine islamkonforme Verwendung der Vernunft soll den Menschen nicht zu Überheblichkeit und willkürlicher Ausbeutung der Schöpfung führen, sondern in ihm die Erkenntnis der Gesetzmäßigkeiten ALLAHs reifen lassen. Vernunft beinhaltet, dass er sich an seine Grenzen hält, innerhalb dieser Grenzen aber das Bestmögliche zur Nutzung seiner Fähigkeiten leistet. Die Erkenntnis seiner Grenzen führt ihn zu Demjenigem, der ihm diese Grenzen gesetzt hat: zu ALLAH, für DEN er seine Ibada (seinen Gottesdienst) verrichtet.

Gottesdienst (Ibada)

Die Ergebenheit gegenüber dem SCHÖPFER stellt den Kern des islamischen Begriffs Ibada dar, der oft missverständlich mit Dienerschaft, Sklave-Sein (gegenüber ALLAH), wiedergegeben wird. Diese Ergebenheit aber resultiert aus Einsicht und Liebe gegenüber dem SCHÖPFER: gegenüber einem SCHÖPFER, der n i c h t s  von der Anbetung, dem Gottesdienst und dem Gehorsam seines Geschöpfs hat. Denn der SCHÖPFER ist erhaben darüber, dass man Ihm nützlich sein könnte. Der SCHÖPFER braucht nicht uns, wir benötigen Ihn. Damit ist ER auch die einzige Instanz, an die man sich getrost wenden kann, ohne Angst haben zu müssen, ausgenützt und gedemütigt zu werden. Eine Hingabe an den einzigen und unabhängigen SCHÖPFER lässt den Menschen frei werden von der Vergötzung und der Sich-Versklavung gegenüber Geschaffenem und Abhängigem. Richtig verstandener Islam ist damit immer ein Akt der Befreiung.

Zeichen und Rechtleitung

Dass der Mensch Würde besitzt, geht daraus hervor, dass ALLAH ihn nicht allein gelassen („in diese Welt geworfen hat“) hat, sondern sich ihm zuwendet und mit ihm kommuniziert. So hat GOTT Adam, und damit den Menschen, die Begriffe gelehrt. Allen Menschen hat ALLAH zwei Arten von Mitteilungen gegeben: das „Buch der Schöpfung“ (Universum) und Seine Offenbarungen zu den Propheten.

Das Buch der Schöpfung besteht aus einer schier unerfassbaren Ansammlung einzelner Zeichen, deren jedes einzelne auf die Vergänglichkeit der Schöpfung und die Unvergleichlichkeit des SCHÖPFERs hinweist. Jedes dieser geschaffenen Zeichen der Natur spricht in einer für das Herz bestimmten Sprache von der Einheit, Einsheit und Einzigartigkeit des SCHÖPFERs und seinen Eigenschaften. Anders ausgedrückt: Die Schöpfung ist ein Spiegel, in dem sich das Licht des SCHÖPFERs spiegelt.

Die andere Form von Botschaften erhält der Mensch von ALLAH über die  Propheten, die ihm in klarer Sprache die Details des Lebensweges aufzeigen, mit dem der Mensch zu seinem eigenen Glück findet.

Vergebung von Fehlern

Geehrt wird der Mensch durch ALLAH, der ERHABENE, auch dadurch, dass der Mensch trotz seiner Fehler immer umkehren kann und sich der Verzeihung seines SCHÖPFERs sicher sein darf, wenn er aufrichtig bereut und seine Fehler einsieht. Daraus folgt, dass auch die Menschen untereinander nicht über die Fehler anderer richten sollen, wenn ALLAH jedem die Möglichkeit zur Umkehr gewährt.

Gleichheit der Menschen

Eine weitere Auszeichnung des Menschen ist die prinzipielle Gleichheit des Menschen. Nicht der angebliche (wirtschaftliche) Nutzen eines Menschen für die Gemeinschaft macht den Wert eines Menschen aus, sondern seine unmittelbare Beziehung der Ehrfurcht, die er vor GOTT empfindet: die Taqwa. In der Taqwa verschwinden alle Unterschiede zwischen arm und reich, schwach und mächtig, krank und gesund, Frau und Mann, benachteiligt oder bevorzugt, gesellschaftlich anerkannt oder verachtet. In der Stärke seiner Taqwa kann der Mensch sich vor ALLAH beweisen und wird damit unabhängig von menschlichen und gesellschaftlichen Kriterien, mit denen die Menschen sich gegenseitig einstufen oder teils sogar erniedrigen. Wir Menschen sind nicht fähig, Taqwa zu bewerten.

2. Auswirkungen auf eine Pädagogik im Rahmen des Islam

Dieses Menschenbild, das Muslime der unterschiedlichsten Herkunft verbindet, kann nur durch umfassende Bildung verwirklicht werden. Es ist ein Bildungsauftrag, der Wissensvermittlung nicht nur als einseitigen Prozess vom Lehrer zum Schüler versteht, sondern lebenslanges Lernen erfordert: durch Erfahrung, Über- und Umdenken, durch Überschreitung eingefahrener Denkmuster, um der Vielfältigkeit der Aufgaben des Menschen in dieser Schöpfung gerecht zu werden. Wissen ohne entsprechendes Handeln ist nicht nur die Hälfte wert, sondern kann sogar schädlich werden, da es eine Entwertung des Wissens darstellt. Wissen kann nicht nur am Leitbild der Gewinnmaximierung und der Nützlichkeit für die Gesellschaft gemessen werden. Guter Charakter und ein in sich ruhender, selbstbewusster Mensch zu sein, der sich von oberflächlichen Urteilen fernhält und auch als Vorbild wirkt, muss von allen islamischen Pädagogen angestrebt werden.

Islamische Bildung von heute sollte umfassen:

Persönlichkeitsbildung (Achlaq "Vorbildliches Verhalten" )

  • Ehrfurcht vor allem Lebendigen, dessen Teil wir sind
  • Verantwortungsbewusstsein für Natur und Umwelt
  • Kompromiss- und Friedensfähigkeit
  • politische Kompetenz
  • Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft
  • selbstbestimmtes Handeln, Urteils- und Kritikfähigkeit
  • Kreativität und Selbstbeherrschung
  • Anteilnahme am kulturellen Leben und an künstlerischer Betätigung
  • Aufgeschlossenheit für die Sphären des Wahren, Guten und Schönen (spirituell, kulturell)
  • Gesundheitsbewusstsein und entsprechende Körperpflege, Sportlichkeit
  • mannigfache Fähigkeiten der Lebens- und Alltagsbewältigung einschließlich praktischen und für das Arbeitsleben qualifizierenden Könnens sowie der Beherrschung elementarer Kulturtechniken
  • Toleranz, besonders als Achtung vor der Individualität und Überzeugung des Anderen
  • Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft, Gerechtigkeitssinn und Fähigkeit zu solidarischem Handeln
  • Stärke und Schwäche

Eine Pädagogik auf Grundlage von Islam muss die Entwicklung eines gesunden Selbstbewusstseins mit der Vermittlung der Werte „Bescheidenheit“ und „Schutz vor Selbstüberschätzung“ verbinden. Direkt folgt daraus auch der Respekt vor der Schöpfung: Nicht primär, weil wir aus der Natur Nutzen ziehen, sondern, weil sie ein aufgeschlagenes Buch des Schöpfers darstellt, dem mit Respekt zu begegnen ist. Intellektuelle Überlegenheit des Menschen erlaubt diesem keine Unterdrückung – ganz im Gegenteil: Hilfsbereitschaft und Mitfühlen werden von ihm erwartet.

Generationenfolge und die Weitergabe des Wissens

Hieraus die zentrale Bedeutung von Familie als Ort der Primärsozialisation. Der Wert des Wissens wird bereits in den ersten beiden Versen betont, welche dem Propheten Muhammad (Friede und Segen sei auf ihm) geoffenbart wurden: „Lies, im Namen deines Herren, der erschuf – erschuf den Menschen aus einem Alaq "Etwas, das sich anklammert, „Anhängsel“, „sich Einnistendes“" “. Dies beinhaltet die Bedeutung des Lesens: des geoffenbarten Qurans und des „Buches der Schöpfung“. Beide Lesungen müssen miteinander in Einklang und Harmonie gebracht werden. Weiterhin verweisen die Verse auf die schwache Herkunft des Wesens Mensch: aus einem Alaq, das im Körper seiner Mutter durch den SCHÖPFER geformt wurde, und das sich in Abhängigkeit von seinem SCHÖPFER entwickelt. Damit ist die zentrale Bedeutung von Familie, Mutterschaft und Verwandtschaft bereits zu Beginn der Quran-Offenbarung herausgestellt.

Taqwa

Aus dem Primat der Taqwa folgt der Einsatz des Muslims gegen jegliche Form von Rassismus oder Versuche, Menschen in „wertvolleres“ und „weniger wertvolles“ Leben einzuteilen. Islamische Erziehung muss sich daher mit Mitgefühl für Benachteiligte und Hilfe gegenüber Menschen mit jedweder Form von Behinderung auseinandersetzen. Dies widerspricht diametral jeder Vergötzung von Stärke, Schönheit und Erfolg, wie sie für den Menschen eine ständige Verführung darstellt.